Naranja, 1999



Ich stehe stehe mitten in einer großen Stadt. Die Sonne scheint, und der Himmel ist strahlend blau. Auf einmal hinter mir laute Rufe, ich drehe mich um und sehe vier oder fünf Männer, ganz in schwarz, auf mich zu rennen. Dann sehe ich an mir runter und erkenne, daß ich kein Mensch bin. Äußerlich sehe ich aus wie einer, doch in Wahrheit bin ich ein Roboter, was ich an den ausdruckslosen Augen, die mich aus meinem Schaufenster- Spiegelbild anstarren, merke. Die Männer sind mittlerweile ganz nah, und ich weiß, daß sie hinter mir her sind. Also renne ich, so schnell ich kann, weg. Ich kann als Roboter viel schneller rennen als sie, doch dann stehe ich auf einmal in einer Sackgasse. Ich höre, wie sie um die Ecke rennen, doch bevor ich sie sehe, wache ich auf.


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Anonym, 1999

Ich stehe auf einer blühenden von Bäumen umsäumten Wiese, einen Korb im Arm und sehe zur Straße hinauf. Meine roten Haare flattern im Wind, weshalb ich sie mit der Hand nach hinten streiche. Auf der Straße reiten einige Ritter zur nahen Burg, welche sich auf einem bewaldeten kleinen Berg befindet. Ich mache einen tiefen Knicks und sehe dabei auf mein grünes Kleid, wie es sich geziemt. Trotzdem wage ich es nach ein paar Sekunden aufzusehen. Die Banner der Ritter flattern im Wind, fasziniert sehe ich ihnen hinterher. Sehe mir die Banner und Motive an. Schließlich höre ich eine rabiate Stimme hinter mir. „He, Weib. träumst du? Sieh nicht so den hohen Herren hinterher! Tu was!“ Ich seufze und mache mich wieder daran die Äpfel der nahen Bäume zu pflücken und wünsche mir, dieser August anno 1258 wäre nicht so furchtbar heiß und der Priester würde mich nicht so beaufsichtigen.

Hans, 2000

Auf der Hinterseite des Düsseldorfer Bahnhofs, an der eine lange Straße mit Parkplätzen und einigen Beeten und Wegen entlang führte, war das Haus des Hundefängers. In der Tat war die Notwendigkeit dieses Ortes unübersehbar, da überall tobende Tiere einherliefen und einen ziemlichen Wirbel veranstalteten. Da es sich aber wirklich um das Haus des Hundefäfngers handelte, wurde mir erst klar, als ich mich an die grobgezimmerten Biertische, die seltsamerweise davorstanden, zu einigen Leuten setzte und die Szenerie eine Weile beobachtete. Tatsächlich befand sich in der staubigen Hauswand, die mit Gittern vor eingelassenem grauen Fenster eher an ein verwaistes Kiosk erinnerte, ein niedrig gelegenes Loch, in das gefangene Hunde eingelassen wurden.
Ich unterhielt mich einige Zeit mit einem Herren, der mir gegenüber und den Rücken der Straße zugekehrt saß und die besondere Ästhetik jener Lokalität geradewegs zu genießen schien. Wie ich mich nach kurzem Blick auf die Straße, wo gerade einem zappelndem schwarzen Hund die Fang- schlinge um den Hals gelegt wurde, erneut meinem Tischnachbarn zuwandte, erkannte ich doch die Gestalt *Reinhard Meys* in dieser mir gerade noch absolut fremden Person!
Diese Erkenntnis aber für mich behaltend – ich wollte Peinlichkeiten vermeiden und ihn in der Sicherheit belassen, da ich ihn nicht erkenne – hörte ich ihm weiter zu. Er erzählte, was mich überraschte, von seiner Tätigkeit hier, doch während ich mich noch wunderte, entfremdete sich der Ausdruck auf dem eben erst wiedererkannten Gesicht und wurde zu dem eines jener typischen geschnuzten, dreitagebebarteten Schwulen mit kurzem Stoppelhaarschnitt und Lederkappe (wie man sie aus Filmen kennt), der zwischendurch immer wieder einen Gruß oder ein Zwinkern in Richtung seiner „Kollegen“ an den Nachbartischen sandte. Diese entsprachen nun, ohne da ich die Verwandlung bemerkt hätte, ebenfalls jenem Bild, welches mir bereits im direkten Gegenüber erschienen und leibhaftig geworden war.
Fühlte ich mich insgesamt auch ob der schmuddeligen Großstadtgegend unwohl, so war ich jetzt doch ein wenig erschrocken und verwirrt. Angst aber – verspürte ich nicht.

Anonym, 2000

Ich sitze auf meinem Trapez, das vom Firstbalken meines Zimmers (im OG) herabhaengt. Meine Haende sind mit Handschellen an die Stange des Trapezes gefesselt. Im Dunkel des Zimmers bemerke ich eine Gestalt, die ich nicht genau erkennen kann, vor der ich mich aber instinktiv fuerchte. Als diese Gestalt langsam auf mich zu kommt springe ich vom Trapez, wobei die Handschellen irgendwie zerbrechen muessen; ich kann durch die Balkontuere nach aussen entkommen und rette mich durch einen Sprung vom Balkon; danach fluechte ich durch eine Wiese mit Apfelbaeumen, die mittlerweile nicht mehr existieren, sondern durch Neubauten ersetzt wurden.

J. L., 1999

ich befand mich auf einem, für west-deutschland typischen s-bahnsteig oder bahnhof (–> bahnhof verstehen!), alles high-tech, chromblitzend und sauber, glatt. da waren verkaufsstände, und ich beschloß, meine konsum- und weltflüchtige einstellung hinter mir zu lassen und etwas zu kaufen. tatsächlich fand ich auch gefallen an so manchen, was da feilgeboten wurde, vor allem wollte ich mit den verkäuferInnen reden, doch aber: an jedem verkaufsstand sprachen die leute eine jeweils andere sprache. es waren keine real gesprochenen, doch hatten sie alle eine eigene vollständige grammatik und syntax (fasziniert mich noch heute). die leute verstanden mich nicht und trotz meines guten willens, die leute zu verstehen begannen sie mich zu ignorieren. ich sprach nicht ihre sprache. dasselbe passierte mir, wenn ich passanten etwas fragen wollte. ich blieb auf mich angewiesen, rannte am ende von stand zu stand und versuchte immer verzweifelter ins gespräch zu kommen, bis ich resignierte. 

T.G., 1998

Heute sah ich rote ferne Berge. Am Horizont, mit steilen Hängen, rauf und runter immer wieder, wie ein Sägeblatt geformt. Um mich eine strahlend helle Wüste. Nur konnte ich mich nicht bewegen, war gefesselt, mußte ständig in einen Brunnen sehen. Nur mit Mühe konnte ich meinen Blick vom Spiegelbild tief unten wenden. Ich merkte, dass ich auf einem Holzgestell gefesselt lag. Mein Blick mußte ständig auf dem Wasser ruhen, wo sich über mir eine drohende Klinge spiegelte. Ich lag eine Ewigkeit so. Es kam mir jedenfalls so vor…Ich fühlte den nahen Tod, in der Wüste wartete ich auf ihn und wartete und wartete… Die Sonne stieg und sank um die tausendmal, und wenn sie richtig stand warf sie den Schatten einer Statue in den Brunnen hinein. Ich sah den Schatten und wußte, es war die schöne Agnes, sie war ständig neben mir. Eine Statue und ein Schaffot.  Ihre zartgeschwungene Hand ganz nah am Griff. Am Hebel, der das Beil in meinen Nacken sausen läßt. Aber es kam nicht… Es war gräßlich und wunderschön zu gleich. Ich fühle sie neben mir stehen und weiß sie wird nicht gehen.

Dann dieser Schatten. Das Krächzen eines gewaltigen schwarzen Vogels, der mit seinen düsteren Schwingen die Sonne verdunkelt…. Er läßt sich auf ihre Schulter nieder, die Sonne versinkt hinter seinem glühenden Federkleid. Er macht sich auf, der unheilsvolle Vogel will auch zu mir…Ich schreie, habe Angst um meine Augen. Vögel fressen zuerst die Augen….schreie, wache auf und bin blind.