Traum:
Dunkelheit. Kälte.Sturm. Nadelspitze Eiskristalle ritzen die Haut.
Er möchte sich zusammenkauern. Aber er muß aufrecht
standhalten. Es ist ein Befehl. Dämmerung. Der Ort: Ewiger Schnee.
Gletscher vielleicht. Ein Platz, kaum größer als der Raum,
den seine Füße benötigen. Später ist eine
Rutschbahn aus Eis zu erkennen. Blau. Durchsichtig. Sie führt
abwärts in gigantischen Kurven. In der Tiefe, ganz unten, scheint
sie zu enden. Im steigenden Licht sind dort Bilder zu erkennen, alten
Schlachtgemälden gleich. Von Unwirklichkeit verhüllte
Wirklichkeit: Seine erfahrenen Erinnerungen an die Weltgeschichte,
seltsam befremdend durchmischt mit der eigenen Lebensgeschichte. Er
spürt, überschwemmt von Furcht, wie der Sturm ihn auf die
Bahn drängt, wie die Füße weggleiten unter ihm. Es
scheint ihm jedoch, die Niederfahrt geschehe seinem unbeweglich
ruhenden Leib. Warm ist es. Angenehm. Er wird getragen, fühlt sich
aufgehoben. Er weiß: Ich liege in einem kreisrunden Teich, in
wohlriechendem, goldfarbenem Wasser. Als er die Augen unwillig
öffnet, sind da das Abendrot und die unmißverständliche
Weisung, aufzustehen und zu verlassen. Weinend entfernt er sich, geht,
fühlt Kiesel, Gras, Asphalt, Ackererde, weichen und harten, warmen
und kühlen Grund an seinen blosen Sohlen. Geht immer weiter. Und
weiß: Ich werde Schritte tun. Ich muß. Ich kann nicht
anders. Und im Gehen versiegen die Tränen. Dumpfe Trauer beginnt
ihn auszufüllen. Er sieht den Widerschein desAbendrots auf seinen
Händen. Er sieht seine nackten, schmutzigen Füße.
Immerzu nur dies. Er haßt die Füße. Sie werden nie
mehr sauber. Und die Hände. Färbt Blut sie rot? Er glaubt es
schließlich. Einmal, Jahre sind vergangen, bleibt er stehen. Er
wendet sich um, als habe ihn jemand gerufen. Hinter ihm, in seiner
gekrümmten, unsichern Spur, sichtbar über die Erdwölbung
hinweg, wachsen die Blumen, alle Blumen, die es jemals gab. Die Wolke
ihrer Düfte kommt über ihn, hüllt ihn ein. Er steht und
schaut und atmet. Er lächelt.
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Traum